2010 WURDE DIE PROMI-KULTUR VON EINER KOSTENLOSEN FOTO-SHARING-APP DOMESTIZIERT…

– …und die Paparazzi blieben gestrandet zurück.

 

Im ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts nahm die Promi-Kultur sonderbare Formen an: Irgendwo in Hollywood fiel Lindsay Lohan aus einem SUV oder Tara Reid fiel aus einem Club. Es war die Saison der betrunkenen Mädels. Auf ihre verschmierten Wimperntuschen und ihre verformten Kiefer prasselte ein Blitzlichtgewitter nieder. „Upskirt“ -Fotografien, auf denen sich ein Paparazzo buchstäblich so tief bückte, dass er beim Aussteigen aus einem Auto unter den Rock einer Frau schießen konnte, waren ein Genre für sich.

Der Bürgersteig zwischen einer Limousine mit Chauffeur und einem ausgehakten Samtseil bildete die Grenze zwischen den Prominenten und der Boulevardpresse. Es war alles durch eine antagonistische aber symbiotische Beziehung zwischen den Berühmtheiten, den Paparazzi und den Fans motiviert. Wir sahen alles im Zeichen des Fremdschämens.

Nur wenige konnten vorhersagen, dass diese Ära Hollywoods wenige Jahre später zu Nostalgie führen würde. „Pop Culture Died in 2009“, kuratiert von einem jungen Mann der in der Grundschule war, als Britney Spears die Haarschneidemaschine in einem Friseursalon befehligte und ihren Kopf rasierte, belebt diese Geschichten auf Tumblr wieder und erzählt alte Boulevardgeschichten über Mischa Barton und Paris Hilton.

Was ist 2010 passiert? Instagram ist passiert.
Im Oktober dieses Jahres kam diese kostenlose App zum Teilen von Fotos mit einem Hipster-Glanz auf das iPhone. Einige Monate später veröffentlichte Justin Bieber – der größte Star auf dieser Plattform – eine launische Aufnahme des Verkehrs in Los Angeles und plötzlich waren wir nicht mehr hungrig nach dem Fenster eines Autos in dem sich eine berühmten Person chauffieren ließ sondern saßen plötzlich auf dem Beifahrersitz.

Als mehr Prominente sich anmeldeten, erhielten wir Zugang zu ihren Küchen, Schlafzimmern, Schränken und Badezimmern. Promi-Kultur zog nach innen, Paparazzi blieben auf dem Bürgersteig zurück. Und jetzt druckt die US Weekly nur noch Fotos, die Prominente auf Instagram hochgeladen haben.

Instagram gab uns eine neue Sichtweise auf Prominente, die uns physisch und psychisch näher brachte. Die Bilder, die Kim Kardashian und Kylie Jenner dort veröffentlichen, mögen wie eine Erweiterung ihres Reality-Fernsehimperiums erscheinen aber das Fernsehen funktioniert nur in eine Richtung: Wir schauen es uns an. Auf Instagram schauen wir und posten. Wir beobachten andere Menschen und wir beobachten uns selbst. Wir nehmen die Details des Haushaltsdekors des Instagram-Stars, ihr konturiertes Make-up, ihre Fotowinkel und ihre Photoshop-Anpassungen auf und veröffentlichen dann unsere eigenen Bilder unserer Häuser, Gesichter und Körper, die von ihrem Beispiel beeinflusst werden.

Zum Zeitpunkt des Debüts von Instagram gab es Facebook, damit sich die Leute in Wort und Bild mit ihren Freunden austauschen konnten. Aber Instagram wurde gebaut, um ein offenes Netzwerk zu sein. Ihr wurdet eingeladen, allen zu folgen. Das Teilen von Facebook-Fotos war durch unsere sozialen Verbindungen, unsere familiären Bindungen, unsere Insider-Witze und Eigenheiten angeregt worden. Die Fotos wurden zur Freude und Zustimmung der uns bekannten Personen präsentiert.

Aber auf Instagram war auf einmal alles anders. Plötzlich waren wir mit Reichen, Schönen und Berühmten im Bund. Wir drängelten uns alle auf der gleichen Plattform. Die Art und Weise, wie wir Sonnenuntergänge, Abendessen, unsere Kinder, uns selbst fotografieren: Alle werden von allen anderen beeinflusst, die um uns herum fotografieren, branden und hochladen.

Die Definition von einem Celebrity veränderte sich. Normale Leute wurden ein bisschen berühmt für prominente Dinge: dafür, wie sie ihre Häuser eingerichtet und sich geschminkt und angezogen haben. Dies geschah in einem so gewaltigen Ausmaß, dass es eines neuen Wortes bedurfte: „Influencer“.

Was sind wir geworden? Die Beeinflusser und die Beeinflussten?
Wir prägen uns nicht die Bilder von katastrophalen Zugunglücken der vergangenen zehn Jahre ein. Stattdessen regieren die häuslichen Göttinnen von Calabasas auf der Plattform. Während die Kardashianer aus einem ähnlichen Bestand zu stammen scheinen wie ihre Tabloid-Vorgänger – Kim Kardashian West war einst Hiltons Assistent -, machten sie eine ganz andere Figur. Sie stehen nicht für weibliche Entgleisungen sondern für weiblichen Konsum. Sie werden dafür bewundert, Reichtum angehäuft zu haben. Sie haben einen neuen Kult der wahren Weiblichkeit geschaffen, in dem der Körper endlos verbessert werden kann, um eine optimale sexuelle Attraktivität zu erzielen, selbst wenn immer mehr Nachkommen geboren werden. Wenn sie keine Boudoir-Shots auf Instagram veröffentlichen, versammeln sie sich um riesige Kücheninseln. Wenn diese Frauen Boulevardgeschichten über sich selbst säen, tuen sie dies kontrolliert.

Die berühmte Instagram-Ästhetik repräsentiert die totale Fetischisierung der Kontrolle. Alles kann bis auf das Pixel korrigiert werden. Alles kann bis in die Poren mit der Spritzpistole gereinigt werden. Ganze Branchen haben sich in dieser Lücke eingenistet: Hautpflege, Fotobearbeitungs-Apps, Konturen-Make-up, Betrug zur Gewichtsreduktion, Wimpernwachstumsseren und injizierbare Füllstoffe.

Jetzt, wo berühmte Frauen die Kontrolle über ihre eigenen Bilder haben, jetzt, da sie vom Objekt zum Subjekt gewechselt sind, haben sie den männlichen Blick erfolgreich durch einen kapitalistischen ersetzt: Kylie Jenner wurde eine Milliardärin, indem sie teure kosmetische Verbesserungen für ihr Gesicht erhielt und dann billige kosmetische Verbesserungen an alle anderen verkaufte.

Das Model Emily Ratajkowski hat ihren Instagram-Account als „sexy feministische Zeitschrift“ bezeichnet, die sie nutzt, um ihre Bikinis zu verkaufen.

Das Blättern in „Pop Culture Died in 2009“ sorgt für einen nostalgischen Kick. Was ihr in diesen Bildern seht – und was im Zeitalter von Instagram aus der Promi-Kultur verschwunden ist – ist ein grundlegender Gegensatz zur Hollywood-Maschine. Paparazzi hielten Momente fest, in denen Millionen von Dollar an Filmverträgen und Branding-Deals in Gefahr waren, in die Gosse zu wirbeln. Sie zeigten Berühmtheiten in einem Licht, das nicht ausgewählt wurde.

Instagram wird oft beschuldigt, künstliche Bilder produziert zu haben aber sein kommerzielles System hat etwas sehr Ehrliches. Die Celebritys pflegten, einen Hauch des Geheimnisses anzubieten. Ein Influencer ist nur jemand, der andere Menschen dazu bringt, Dinge zu kaufen.

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